Das Teilkorpus umfasst Erstauflagen von Bædeker-Reiseführern aus dem Zeitraum 1875 bis 1914, die ausschließlich außereuropäische Destinationen zum Inhalt haben. Zum einen wurden Reiseführer in das AAC-Korpus aufgenommen, da sie als Gebrauchstexte gegenüber der Reiseliteratur eine bis heute vernachlässigte Textsorte sind. Denn obwohl allgemeiner Konsens darüber herrscht, dass Reiseführer wertvolle historische Quellen darstellen, gibt es, abgesehen von wenigen Ausnahmen, kaum Beiträge, die diese Textsorte in den Mittelpunkt stellen. Zum anderen eignen sich gerade historische Reisehandbücher nicht nur für die linguistische, sondern auch für die literatur- und kulturwissenschaftliche Forschung: Reiseführer beschreiben fremde Orte, Völker und Sitten. Gleichzeitig ist das Fremde immer auch Bestandteil der eigenen Kultur. Weit davon entfernt, objektive Beschreibungen zu liefern, sind Reiseführer Teil der interkulturellen Kommunikation mit all ihren Missverständnissen, Projektionen und Machtasymmetrien. In diesem Sinne erlauben historische Reiseführer zu außereuropäischen Ländern einen aufschlussreichen Einblick in das deutschsprachige Repertoire an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, fremde Kulturen und gleichzeitig sich selbst darzustellen.
Besonderes Ziel des Bædeker-Projekts ist es, in exemplarischer Form, einen auf kulturwissenschaftliche Nutzungsbedürfnisse hin zugeschnittenen Zugriff auf die digitale Version der geisteswissenschaftlichen Forschungsressource Reiseführer zu erleichtern. Im Mittelpunkt stehen texttechnologische Verfahren, die das gezielte Auffinden einzelner, für kulturwissenschaftliche Fragestellungen relevanter, Textstellen im jeweiligen Kontext ermöglichen. Der Text der Bædeker-Bände ist in Routen organisiert und besteht aus einem komplexen hierarchischen Netzwerk an Informationen. In der Printversion sorgen Index, typographische Hervorhebungen und die berühmten Bædeker-Sterne für Orientierung. Im digitalen Text ermöglicht die formale Strukturierung sowie ein spezifisches XML-basiertes Tagset neben der Volltextsuche verschiedene, in Summe sehr umfassende, Zugänge zu einer Vielzahl an Themenbereichen und kulturellen Aspekten.
Die Tagsetzung, die in Form einer Keywordannotierung erfolgt, hat den Vorzug, dass die manuelle Annotierung durch halbautomatische Verfahren ergänzt und beschleunigt werden kann. Gleichzeitig bleiben Annotierung und Interpretation weitgehend getrennte Vorgänge. Mithilfe der Transformationssprache XSLT und der in sie eingebetteten Abfragesprache XPATH können einzelne Strukturelemente lokalisiert, extrahiert, quantitativ ausgewertet, oder aber direkt im Kontext angesteuert und einer qualitativen Analyse unterzogen werden. Auch kombinierte Abfragen und die Formulierung von Bedingungen sind möglich. Neben dem rein funktionalen Mehrwert des verbesserten Zugangs zum Text, bietet die digitale Version gegenüber einer Printausgabe vor allem einen semantischen Mehrwert. Das systematische, inhaltsorientierte Markup ist nachvollzieh- und überprüfbar. Von Vorteil ist, dass die vorgegebene Struktur keine fertigen Antworten liefert und damit enge Grenzen setzt, sondern Pfade zu Text und Kontext anbietet, die den Blick auf Gesamtzusammenhang und Detail je nach Forschungsinteresse offen lassen. Ganz im Sinne Bædekers lässt sich mit diesem Instrumentarium heute der digitale Text bequem „erwandern“.